
„Elektrifizierung ist der Schlüsselfaktor, um den Klimaschutz voranzubringen. Für die entsprechende Infrastruktur stellt unsere Branche die Lösungen bereit. Das vom Bundestag beschlossene Sondervermögen ist eine Chance, die Infrastruktur für Elektrifizierung und Digitalisierung gezielt zu stärken – und damit sowohl effizienten Klimaschutz zu ermöglichen als auch den Industriestandort Deutschland zukunftsfähig aufzustellen. Damit die Mittel ihre volle Wirkung entfalten, müssen sie in zukunftsgerichtete Investitionen fließen – in leistungsfähige Stromnetze, strategische Schlüsseltechnologien und eine moderne digitale Infrastruktur. Gleichzeitig müssen regulatorische Hürden abgebaut werden, um einen schnellen und effizienten Ausbau zu ermöglichen“, sagte Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, bei der Begrüßung der Anwesenden. Dass auch die künftige Bundesregierung an den Zielen zur Klimaneutralität bis 2045 festhalten wird, davon zeigte sich auch Barbie Haller, Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur, überzeugt. Sie eröffnete den Themenblock ‚Herausforderungen beim Netzausbau für Deutschland, Europa und international‘: „Der Netzausbaubedarf bis 2045, so, wie wir ihn ausgewiesen haben, wird im Wesentlichen stabil bleiben. Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren die Genehmigungsverfahren um ein Drittel beschleunigt – gestützt durch die EU-Notfallverordnung für den Ausbau der erneuerbaren Energien, aber auch durch die Straffung unserer eigenen Prozesse.“ Haller hob allerdings auch hervor, dass beim Netzausbau die Kosten für die Verbraucher in einem verträglichen Rahmen gehalten werden müssten. An diesem Punkt knüpfte auch Corinna Enders, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur an: „Wir werden die Energiewende nicht hinbekommen, wenn wir keine Akzeptanz in der Bevölkerung haben. Ich bin überzeugt davon, dass wir auch hierfür ein starkes Europa brauchen. Ein gut ausgebautes europäisches Stromnetz reduziert Kosten und sorgt für eine hohe Versorgungssicherheit.“

‚Coole Zeit‘ für die Elektroindustrie
Adrian Guggisberg, Division President Electrical Distribution Solutions bei ABB, betonte in seinem Statement zunächst die positiven Aspekte bei der Umgestaltung des Stromnetzes: „Als Elektroingenieur muss ich sagen: Es ist die coolste Zeit, in dieser Industrie tätig zu sein, die ich je erlebt habe. Denn wir können etwas wirklich Nachhaltiges bewegen.“ Bei aller Euphorie sieht Guggisberg aber auch große Herausforderungen. „Die erste Herausforderung sind die Kapazitäten. Als Industrie und Lösungsanbieter müssen wir ausreichende Kapazitäten vorhalten, um Flaschenhälse zu vermeiden. Im Hinblick auf zu tätigende Investitionen brauchen wir dazu allerdings Planungssicherheit.“ Zudem seien skalierbare digitale Netze ein Muss. Das Thema Digitalisierung bringe es aber auch mit sich, dass Unternehmen sich dem Thema Cybersecurity ganz anders widmen müssten als bisher. „Und nicht zuletzt müssen wir uns fragen: Haben wir ausreichend Menschen, um dies alles in die Tat umzusetzen? Ich glaube, wir müssen die relevanten Berufsfelder für junge Leute viel attraktiver gestalten“, so Guggisberg abschließend. Der zweite Veranstaltungstag widmete der Nachwuchsrekrutierung unter der Überschrift ‚HR Matching – Wie bekommen wir Menschen und berufliche Anforderungen zusammen?‘ dann auch einen ganzen Themenblock. Unter anderem gab Dirk Werner, Leiter des Themenclusters Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, einen Überblick über den MINT-Arbeitsmarkt. Dr. Heide Brandstätter, Professorin im Studiengang Elektrotechnik an der HTW Berlin, schilderte eindrücklich ihre Erfahrungen mit Blick auf die Qualifizierung weiblicher Nachwuchskräfte.
Zeitliche und materialtechnische Dimensionen
Welche Herausforderung die zeitliche Dimension bei der klimafreundlichen Umgestaltung der Stromnetze darstellt, wurde beim Vortrag von Eva Weikl, Geschäftsführerin bei BadenovaNetze, einem Netzbetreiber aus Baden-Württemberg, deutlich: „Die durchschnittliche Bauzeit eines Solarparks beträgt rund zwei Jahre, die eines Umspannwerks – bei perfektem Projekt-Prozess – etwa vier Jahre.“ Professor Markus Zdrallek, wissenschaftlicher Direktor am Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgungstechnik der Universität Wuppertal, hielt für die Konferenzteilnehmer eindrucksvolle Zahlen im Hinblick auf die zu veranschlagenden Materialmengen bereit. Der Erneuerungs-/Erweiterungsbedarf bis 2045 bei Hochspannungsleitungen beträgt demnach 34.520km (47,63% am Bestand), bei Mittelspannungskabel 262.193km (50,63% am Bestand), bei Niederspannungskabel 525.948km (44,97% am Bestand), zudem müssten 493.669 MS/NS-Transformatoren (78,01% am Bestand) neu installiert werden. Den Verteilnetzbetreibern werden daher jährliche Erneuerungs-/Erweiterungsmengen auf 200 bis 300% empfohlen, den Herstellern die entsprechende Anpassung ihrer Produktionskapazitäten, um ausreichende Betriebsmittel- und Materialverfügbarkeit zu gewährleisten. Im Themenblock ‚Nachhaltigkeit im Bereich der Netz-Assets‘ räumte Thomas Dürr, Manager Standards an Regulations im Bereich Smart Infrastructure bei Siemens, die Möglichkeit ein, sich per Selbstversuch einen Überblick über die reichhaltigen Inhalte des digitalen Produktpasses einer S7-Steuerung zu verschaffen. Dr. Maik Hyrenbach, Corporate Executive Engineer bei ABB, gab wertvolle Informationen zum neuen SF6-Leitfaden und den Konsequenzen, die bei Zuwiderhandlung drohen – nämlich bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe. Allerdings: Es gibt zahlreiche Ausnahmen. Wie wichtig das Thema der Veranstaltung ist, wurde noch einmal durch die Anwesenheit und Keynote von Mona Neubauer, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie in NRW, verdeutlicht. Die stellvertretende Ministerpräsidentin des bevölkerungsreichsten Bundeslandes versicherte den Anwesenden: „Sie sind diejenigen, von denen in Zukunft einiges abhängt und für die wir die politischen Rahmenbedingungen so verändern und verbessern müssen, damit die große Menschheitsaufgabe – die Defossilisierung der Energieversorgung – Realität wird.“ (jwz)
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